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Projektabwicklung

Das Problem

Die größte Herausforderung bei der Realisierung eines Internet-Auftritts liegt gewöhnlich in der ungleichen Ver­teilung der Vorstellungen und des Know-Hows.

Der Kunde ist auf seinem Gebiet Profi und weiß meist nicht wirklich umfassend über das Internet Bescheid. Der Projektleiter ist teuer, was zur Folge hat, daß er meist nur wenig Zeit hat, sich in die individuelle Situation des Kunden hineinzudenken. Der Designer ist unein­geschränkt Profi, wenn es um die Optik geht. Komplementär dazu steht der Programmierer für technische Fragen zur Verfügung. Zwischen all diesen Profis muss sich der Screendesigner behaupten. Wer schon mal versucht hat, soviel kompetente Mensch­lichkeit unter einen Hut zu bringen, weiß wovon ich spreche.

Wie Internet-Projekte genau geplant werden sollten, darüber kann man geteilter Meinung sein. Über dieses Thema haben sich schon unzählige Spezialisten den Kopf zerbrochen und es wurden viele Bücher geschrieben. Ich habe hier z.B. ein Buch herumstehen, das ca. 900 Seiten hat! Würde ich die Ratschläge des Autors befolgen, wäre ich schon längst pleite. Dennoch verdient dieses Thema besondere Aufmerksamkeit, denn wegen einer schlechten Projektabwicklung sind schon viele Projekte gestorben.

Internetprojekte sind anders!

Zunächst einmal wollen wir festhalten, daß wir hier von Internet-Projekten sprechen, die sind nämlich anders, als herkömmliche IT-Projekte. Glauben Sie mir, da besteht ein großer Unterschied. So wird beispielsweise eine klassische Desktop-Applikation meist wie ein Instrument benutzt, um betriebs­interne Arbeitsabläufe zu optimieren. Man könnte auch sagen, eine klassische Desktop-Applikation regelt die Abläufe zwischen Ihnen und dem Produkt, welches Sie verkaufen. Ein Internet-Auftritt steht dagegen zwischen Ihnen und anderen Menschen resp. Insti­tutionen, die von Menschen vertreten werden.

Natürlich lassen sich mit dem Internet auch komplexe umfangreiche Anwendungen realisieren. In der Praxis wird das allerdings selten gemacht, weil die Erfahrung gezeigt hat, daß der dazu erforderliche Aufwand wegen dem Internet-Protokoll HTTP um ein vielfaches größer ist, als für eine ge­wöhnliche Desktop-Applikation (trotz Ajax). Dies führt dazu, daß man Internet-Applikationen in der Regel einfach hält. Dies erreicht man beispielsweise, indem nur bewährte Arbeitsabläufe in Kombination mit Standarts eingesetzt werden. Bei der Abwicklung von Internet-Projekten geht es also nur selten darum, bestimmte Abläufe neu zu erfinden, als vielmehr um die koordinierte Zusammenführung der ver­schiedenen Interessen und Kompetenzen.

Projektabwicklung für Internetprojekte

Der Erfolg eines Auftritts mißt sich daran, wie und von wem eine Internet-Seite besucht wird. Das Problem ist, dass die Internet-Comunity launisch sein kann. Das bedeutet, es kann niemand voraussagen, welche Inhalte letztlich gefragt sein werden und welche nicht. Wenn der Betreiber eines Auftritts Erfolg haben will, reicht es nicht, wenn nur agiert wird, es muss auch reagiert werden. Daraus folgt: ein guter Internet-Auftritt entsteht nicht einfach so über Nacht, er wächst kontinuierlich. Das funktioniert natürlich nur, wenn die Programmierung flexibel genug ist, daß der Auftritt auch permanent erweitert oder angepasst werden kann. Man könnte auch sagen, ein Internet-Auftritt ist eine lebendige Sache, und sollte deshalb auch von Anfang an als eine lebendige Sache behandelt werden.

In all den Jahren, in denen ich Internet-Projekte realisiert habe, hat sich eine Vorgehensweise bewährt. Sie besteht im Wesentlichen aus sieben Schritten, die ich nachfolgend erläutern möchte.

1. Die Erstellung des Drehbuchs

Zunächst einmal werden in einem Dokument alle Fragen aufgelistet und beantwortet, die im Zusammenhang mit dem geplanten Auftritt auftreten. Wenn ich von allen Fragen spreche, dann meine ich wirklich alle Fragen, angefangen von: "Wo kriegen wir die Bilder her?" bis hin zu "Was wird das denn ungefähr kosten?". Dieses Dokument wird während der gesamten Realisierungs­phase eine einheit­liche Arbeitsgrundlage für alle beteiligten Personen darstellen. Es handelt sich um ein lebendiges Dokument, welches wir auch "Dreh­buch" oder auf englisch "Storyboard" oder "Storybook" nennen, denn genau das ist es auch.

Bei Bedarf wird das Storyboard allen beteiligten Parteien in digitaler Form zugänglich gemacht, das hat sich gut bewährt. Wenn das Storyboard in Form eines Wikiwebs erstellt wird, gilt die Devise: es darf nur ergänzt werden, löschen darf allein der Projektleiter und das auch nur mit gutem Grund. Je nach Größe des geplanten Auftitts sollte die Erstellung des Storyboards in Form eines Vorprojektes kalkuliert werden.

Alternativ hat sich auch der Einsatz einer kollaborativen Projekt-Verwaltung bewährt, wie sie z.B. von Basecamp angeboten wird.

2. der Kostenvoranschlag

Wenn für alle beteiligten Parteien sämtliche Fragen bezüglich des geplanten Internet-Auftritts beantwortet sind, wird das Storyboard vom Projektleiter übernommen und strukturell überarbeitet, wobei sämtliche Inhalte erhalten bleiben. Dabei wird der Kunde explizit darauf aufmerksam gemacht, daß alles, was zu diesem Zeitpunkt nicht in dem Storyboard erfasst wurde, neu kalkuliert werden muss.

Wenn bisher alles gut gelaufen ist, hat der Kunde bereits eine recht genaue Vorstellung über die Kosten, die auf ihn zukommen. Er hat auch eine Ahnung, wie lange die Realisation ungefähr dauern wird. Jetzt folgt die endgültige Kalkulation. Dabei wird eine dokumentierte Sitemap erstellt, die an­schließend in Templates und Module aufgebrochen wird. Diese werden kalkuliert und terminiert. Die Kalkulation wird dem Kunden schließlich in Form eines ver­bind­lichen Kostenvoranschlag in digitaler Form übermittelt.

Wenn alle Fragen geklärt sind und der Auftrag erfolgt ist, kann die Realisation des Projektes beginnen.

3. die Designphase

Die Realisation des Projektes beginnt zunächst mit der Designphase. Wenn alles optimal lief, hat der Projektleiter den Designer über das Projekt bereits auf dem Laufenden gehalten. Der Designer ist also informiert.

Um einen Eindruck über die Vorgaben und persönlichen Vorlieben des Kunden zu bekommen, besucht der Designer den Kunden vor Ort und entwirft im Kontext des Storyboards die ersten Design-Vorlagen. Dabei ist er ständig mit den Screendesigner und Techniker im Kontakt, um sicher zu sein, die Vorlagen auch technisch umgesetzt werden können.

Wenn die Vorlagen von allen beteiligten Parteien bewilligt worden sind, kann die Publishing-Phase beginnen.

4. die Publishingphase

Ab einer bestimmten Projekt-Größe macht es Sinn, einen Screendesigner einzuschalten (manchmal auch Publisher genannt), welcher aus den Design-Vorlagen des Grafikers HTML-Vorlagen erstellte.

Der Screen-Designer ist manchmal auch verantwortlich für einfache Javascript- oder Flash-Applikationen und spricht sich hierzu bei mit dem Programmierer ab. Für komplexere Flash-Applikationen werden in der Regel Flash-Programmierer hinzu­gezogen.

Für Vorabklärungen ist es manchmal sinnvoll, sogenannte Funktions-Dummies zu erstellen. Damit sind provisorische Internet-Auftritte gemeint, worin noch keine Funktionen enthalten sind.

5. die Programmierung

In der Programmierungsphase werden die HTML-Vorlagen nach und nach mit den erforderlichen Funktionalitäten ergänzt. Dazu steht den Entwicklern ein eigener Ent­wicklungs-Server zur Verfügung. Wenn mehr als zwei Entwickler an dem Projekt arbeiten, sollte eine Source-Verwaltung wie z.B. Subversion eingesetzt werden.

Wenn einzelne Meilensteine erreicht sind, kann der Projektleiter veranlassen, daß ein aktueller Zwischenstand auf den Staging-Server kopiert wird. Der Staging-Server ist ein passwortgeschützter Server, der aus dem Internet erreichbar ist, wo der Kunde die Entwicklung des Projektes mitverfolgen kann und bei Bedarf korrigierend eingreifen kann.

Wenn alle Funktionalitäten umgesetzt sind, wird der Staging-Server eingefroren. Jetzt beginnt die Testphase.

6. die Testphase

In der Testphase sind alle beteiligten Parteien aufgerufen, den Auftritt auf Herz und Nieren zu testen. Wenn die letzten Probleme behoben sind, und alle zufrieden sind, kann das Projekt an den Kunden übergeben werden. Der Auftritt wird auf Anweisung des Kunden auf den Live-Server kopiert, wo das Web von nun an im Livebetrieb arbeiten wird.

7. die Wartung

Ein wichtiger Punkt, der gern vergessen wird, ist die Wartung. Ein guter Internet-Auftritt benötigt Aufmerksamkeit. So merken die Suchmaschinen sehr schnell, ob sie immer dieselben Inhalte vorfinden, oder ob sich ab und zu etwas ändert. Das entgeht auch nicht den Besuchern. Wenn man im Internet Erfolg haben will, ist es wichtig, daß der Internet-Auftritt betreut wird. Man könnte auch sagen, ein Internet-Auftritt muss "leben". Ob die Bemühungen erfolgreich waren, können Sie der Statistik entnehmen. Sie werden über­rascht sein, wieviele Menschen Sie auf diesem Wege erreichen können.

Juni 2006/jw